Auf die Kür folgt die Pflicht

Die Sache mit dem Hochmut und dem Fall ist hinlänglich bekannt. Nach acht Siegen in neun Spielen bei nur einem Remis in Hamm vor vier Wochen, nach dem unfassbaren Unterzahlsieg gegen den Tabellenführer und der Chance, allen Ernstes Meister zu werden, drohte den 8. Herren am Sonntag, was 8. Herren überall gemeinhin droht, wenn ihnen das Testosteron aus allen Körperöffnungen suppt: sie halten sich für unschlagbar.

Das ist zwar ein nachvollziehbarer Wachtraum, wenn alles dauernd am Schnürchen läuft; Blödsinn ist es trotzdem. Das macht Malte bei der Ansprache vorm Anpfiff klar, das vertieft er nochmals in der Halbzeitpause, das weiß zwischendurch auch der Gegner zu bestätigen, als die Wilhelmsburger aus dem Niemandsland der Tabelle zeigen, wie man allzu selbstgerechten Teams von oben den Zahn zieht: Mit wuseligen Dribblern, giftigem Pressing und ein bisschen Geduld.

Es geht nämlich gut los. Daniel, Malte, Jan, Yves, Axel, Pipo machen die Räume im Mittelfeld dicht genug, dass sich Vorwärts Ost darin oft festläuft, bevor es auch nur ansatzweise gen Christoph im Tor geht, während Thomas, Henning, Julian, Paul vorne unablässig Druck aufbauen, was folgerichtig zum 1:0 durch Pipo führt, der sich den Ball selber auf den rechten Fuß legt und saftig in den linken Winkel schlenzt.

Das aber tut unserem Spiel irgendwie gar nicht gut, was der Autor auf seine eigene Kappe nimmt, die er dann aber gleich mal seiner Erkältung aufsetzt, mit der er besser zuhause geblieben wäre als auf diesem furchteinflößend großen Grandplatz nahe der Georgswerder Sondermüllkippe. Zweimal zu langsam für seinen Gegenspieler macht einmal Gelb für Malte plus einmal beim Gegentor zu spät gleich freiwillige Auswechslung und ab zum Duschen. Was dann aber folgt, ist exakt der Grund, warum die 8. steht, wo sie steht.

Nach angesprochener Halbzeitpredigt kommen sie nämlich wie ausgewechselt aus der Kabine. Nicht, ohne mit dem Wiederanpfiff eher dusselig in Rückstand zu geraten, aber dann umso wuchtiger. Vor allem Thomas und Julian spielen die genervte, aber selten unfreundliche Abwehr des Gegners schwindelig, im defensiven Mittelfeld macht Yves vermutlich das Spiel seines Lebens, Axel und Malte gewinnen wie so viele fast jeden Zweikampf. So ist es kein Wunder, dass Julian und Henning den Rückstand drehen, bevor der eingewechselte Burghardt ein manifestes Trauma vermeidet, indem er seine vierte Hundertprozentige in zehn Minuten zum 4:2 reinschiebt.

Fazit: kein überragendes Spiel, aber eine klasse Steigerung mit mächtigem Kampf, viel Leidenschaft samt ein paar fabelhafter Kombinationen, vor allem über links. Dazu gut ein Dutzend Supporter am Sonntagmorgen mit mäßiger Wetterprognose, was uns, das kann man nicht oft genug erwähnen, mindestens so stolz macht wie die Chance auf den Titel. Danke!

Jan

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