Absoluter Wahnsinn: In Unterzahl zum Sieg gegen den Spitzenreiter

Jede Zeit hat ihre Trainer. Galten sie einst als Rudelführer, Patriarchen, Väter der Kompanie, so sind sie heutzutage vor allem Entertainer, Motivatoren, vor allem das. Prophetische Fähigkeiten hingegen zählten noch nie zur Kernkompetenz versierter Übungsleiter. Und so wollte in der Kabine auch nur halbherzig Euphorie aufkommen, als Malte vorm Spiel gegen den Tabellenführer aus Wilhelmsburg meinte, vom folgenden Spiel würden wir noch unseren Enkeln erzählen.

Wie man sich doch täuschen kann.

Denn von dem, was der Ansprache folgte, wird – sagen wir: Kay nicht nur Otzo erzählen, sondern Otzo seinem eigenen Sohn, dessen Name erst noch am Tresen verdient werden will. Schon beim Warmmachen machte Rot-Weiß nämlich ganz schön Eindruck mit seinem Team aus migrationsgeschulten Dribbelkünstlern und einer Handvoll robuster Teutonen dazwischen, die gleich mal zeigten, wie gewandt man „Digger“ variieren kann. Später dann variierten sie eher Begriffe von Fotze über Fick dich! bis Schwuchtel, doch dazu später mehr.

Gleich nach Anpfiff nämlich legten Boris im Tor, davor David, Pippo, Malte, als Sechser Yves und Axel hinter Paul, Henning, Michiel im Mittelfeld sowie Bernd und Kayloff im Sturm ein erstaunliches Tempo vor. In der ersten halben Stunde waren die Achten schneller, zielstrebiger und – Achtung! – auch spielerisch besser als die hochgehandelten Gäste, die zwar über ihre Außen stets extrem gefährlich waren, aber auch zeigten, warum sie zuletzt mehr verloren als gewonnen hatten: Druck macht sie anfällig. Und der kam, vor allem über Michiel und Paul, deren Hereingaben für mehrere Hundertprozentige sorgten, die nicht nur Bernd aber wirklich mal echt kein Scherz ruhig mal…

Aber es kam, wie es der VIII seit Ewigkeiten ergeht: Mit dem ersten echten Torschuss, der noch nicht mal einer war, gab es das 0:1 – wobei der seltsam überdrehte Schiri das Kunststück fertig brachte, drei Abseitspositionen am Stück zu übersehen. Als der frisch eingewechselte Jan F. gleich zu Beginn der 2. Halbzeit einen – leider nur bedingt unberechtigten Elfmeter – verschuldete, schien das Schicksal der Achten (gut spielen, gern verlieren) seinen Lauf zu nehmen, zumal Malte sich kurz darauf innerhalb von drei Minuten zwei gelbe Karten einhandelte.

Das Spiel schien gelaufen – bis sich St. Pauli an seine künftigen Enkelkinder erinnerte. So kam es zum Wunder von Feldstraße 1! Thomas erzielte nach einem Freistoß den Anschlusstreffer, zum Ausgleich vollendet, als Axel den fälligen Strafstoß nach ziemlich dämlichem Foul an Michiel knallhart ins Lattenkreuz drosch (auch wenn es aus der Distanz verteufelt nach flach lasch in die Mitte aussah). Und als Paul einen gediegenen Doppelpass von Michiel und Kay 20 Minuten vor Schluss zur Führung einschob, rasteten nicht nur die Spieler aus, sondern auch gut 40 Fans am Spielfeldrand, die einen Lärm machten, als hätten die Profis den Klassenerhalt geschafft.

In der Folge konzentrierte sich Wilhelmsburg darauf, von Spieler bis Fan wirklich jeden mit der ganzen Klaviatur vorstädtischer Schimpfwörter einzudecken, während St. Pauli unverdrossen versuchte, das Spiel vorzeitig zu entscheiden. Zwei Minuten vorm Abpfiff herrschte zwar noch mal so viel Chaos im eigenen Strafraum, dass die Abwehr einen Ball von der Linie kratzen musste, dann aber war die Geschichtsschreibung der 8. Herren um ein Kapital reicher. Noch ein Punkt bis zu Platz 1, hinterher ein Sonnenscheinausklang mit eigenem Polizeihubschrauber zur Frischluftzufuhr überm Mittelkreis, jetzt muss nur noch eine Kneipe her, in der Otzo seinen Enkeln von diesem Tag erzählen kann, von dem Malte irgendwie schon wusste, dass er kommt.

Jan

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