Gegen 12 Mann

Schiedsrichter sind eine seltsame Spezies. Weisungsgemäß mit größtmöglicher Unauffälligkeit beauftragt, stehen sie oft so klar im Fokus, als ginge es um sie allein. Nicht ums Spiel, nicht um die Spieler, schon gar nicht um Sport. Das ließ sich gut an einem schönen Spätsommernachmittag an der Feldstraße 1 begutachten. 2:1 führte die VIII. des FC da gegen Team III vom SC, alles schien längst entschieden, der souveräne Spielleiter aus Blankenese hatte gerade dem halbstündigen Drängen eines Concordianers stattgegeben und ihn nach diversen Fouls nebst Applaus für die folgerichtige Gelbe des Platzes verwiesen – da trat einer unserem André, dieser grundlegend friedfertigen Mittelfeldseele, von hinten in die Beine, was für sich bereits tiefrot gewesen wäre. Danach aber wiederholte der Gegner den Tritt Richtung Kopf, was gemeinhin eine Anzeige wegen Körperverletzung nach sich zieht. Und was macht der Schiedsrichter? Nix. Gar nix. Ermahnung, Freistoß. Weiter.

Im Nachhinein war das zwar grob regelwidrig, aber atmosphärisch so klug, wie kurz vor Schluss doch den zweiten Ost-Städter dafür vom Feld zu schicken, dass er den Schiri zu Unrecht der Unfähigkeit zieh. Dabei hatte es sicher nicht an ihm gelegen, dass Concordia in Rückstand lag. Eher daran, dass die Offensive der VIII. zwar Großchancen im Minutentakt herausspielte, dann aber doch lieber die Spannung hochhielt, statt den Sack zuzumachen. Und so passierte das Unfassbare: Mit ihrem gefühlt fünften durchdachten Angriff trafen die Gäste zum Ausgleich, woraufhin der Schütze mit doppeltem Fuckfinger an der FC-Fankurve vorbeilief, was er mal besser nicht getan hätte. Denn das Schicksal bestrafte ihn hart, indem Paul mit dem Schlusspfiff nach starkem Steilpass von Malte und scharfer Hereingabe das Siegtor erzielte. Und der Schiri? Hat alles richtig gemacht.

Womit wir beim USC Paloma wären. Dort nämlich zeigte der vermeintlich Unparteiische bereits vorm Spiel durch eine Sympathiebezeugung für den HSV, was er die nächsten 90 Minuten veranstalten würde. Es war die Hölle. Denn ohne Pipo, Tim, Sascha oder Sasa, dafür auf einem Platz mit Bundesligamaßen, tat er fortan alles, um der spielerisch schwachen, aber zusehends bösartigen Heimelf einen Punkt zu schenken. Nach einer starken Anfangsviertelstunde des FC samt verdienter Führung im dritten Anlauf, entschied er auf indirekten Freistoß im Sechzehner, weil Vogi den Ball sechs (in Zahlen: 6!) Sekunden in der Hand gehalten hatte. Also in etwa halb so lang wie jeder beliebige Profiabstoß dauert. Aber gut: einen unberechtigten Elfmeter konnte er Paloma mangels Eindringen in den Strafraum bis dahin ja nicht gegeben haben.

Konsequenz: Ausgleich, Hass im Spiel, neu motivierte Gegner, trotzdem rasch das 2:1 – abermals Julian, was sich der HSV-Schiri aber wieder nicht bieten ließ und nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich Palomas einen absurden Freistoß gegen St. Pauli pfiff, den dessen Stürmer zugegeben brillant annahm und noch brillanter unter die Latte drosch. Freundlich begleitet übrigens vom Verteidiger mit Wochentagname, der den Begriff des Stellungsspiels kurz mal sehr eigenwillig definiert hatte.

So ging es in die 2. Halbzeit, die Maltes Pausenansprache zu einer des Teamplays erklärt hatte. Und so kam es denn auch. Es wurde gekämpft bis zum letzten Kunstgrashalm, oft sogar gespielt wie antrainiert. Die Abwehr hielt nun besser, das Mittelfeld war kompakt, Henning und Malte verteilten klug und Paul beackerte die Außenbahn wie auf Koks, wofür er sich erst mit dem Ausgleich, dann mit der Führung belohnte. Dass die am Ende nicht hielt, dafür sorgte dann aber – genau: ein Unparteiischer, der ähnlich unparteiisch war wie ein CSU-Parteitag im Bierzelt.

Erst pfiff er einen klaren Vorteil exakt dann ab, als der FC mit 5 gegen 2 in den Strafrum Palomas rannte – weil ein USC-Spieler sich in der anderen Hälfte den Fuß hielt. Dann pfiff er ein Foul gegen Henning im Mittelfeld exakt andersrum, woraufhin der falsche Freistoß zum Ausgleich führte. Zuletzt gefiel es ihm, die Partie exakt dann abzupfeifen, als Thomas eine Flanke am langen Pfosten gerade ins Tor köpfen wollte. Fazit: Ein Herrenfußballspiel aus persönlicher Abneigung gegen ein Teams so gezielt zu verpfeifen, ist armseliger als Wettbetrug – der zieht wenigstens einen messbaren Ertrag nach sich. Den gefühlten Sieg gleicht das aber nur halbherzig aus. Und wo das Auto des Schiris stand, wusste am Ende auch niemand.

Jan

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  • Paul Ricci

    Warum hat St. Pauli 8 Mannschaften? Ist doch echt sinnlos!!!

    • Marlon

      Ebenso sinnlos wie Dein Kommentar.