Die Wochen der Wahrheit

Wochen der Wahrheit sind meist zweierlei: Spiele gegen gleichwertige, vor allem gleichwertig schlechte Gegner. Oder gegen bessere, oft viel bessere. In den vergangenen zwei Partien standen gegen die 8. Herren eher letztere auf dem Platz. Also zum Wahrheitsgehalt: Am 29. November, ungewohnt ein Samstag, noch ungewohnter unter Flutlicht, ist der SC Eilbek zu Gast. Im Hinspiel hat uns dessen III. trotz Bestbesetzung eine hässliche, mit 3:2 viel zu knappe Niederlage verpasst. Wir waren im Hochsommer so krass unterlegen, dass die Erwartungen im Spätherbst gering waren. Außer bei Pipo, der uns „Weghauen“ mit auf den Platz gibt, was wir in den folgenden 90 Minuten fast gespenstisch gut befolgen.

Die spielerisch überlegenen Eilbeker sind sofort unter Druck, unsere Abwehr steht, das Mittelfeld presst, der Sturm wühlt, zehn Minuten spielt sich alles in deren Hälfte ab. Thomas‘ frühes 1:0 war daher kein Zufall, sondern Konsequenz. Der Ausgleich wird umgehend durch Tim gedreht. Und nach der Pause sorgen Pipo, Axel und nochmals Tim dafür, dass der bis dahin souveräne Tabellenführer ganz unsouverän zu Treten beginnt. Dank einer aberwitzigen Energieleistung und großartigen Supports an der Linie verhindern auch zwei späte Gegentore nicht mehr, dass wir den Spitzenreiter mit 5:3 von der Spitze stoßen. Was zur nächsten Wahrheitssuche führt. Denn mit so viel Selbstvertrauen erscheint am Sonntag drauf sogar das Pokalspielspiel beim Nachbarschaftsclub Teutonia machbar.

Die Wahrheit meint es dann aber doch nicht so gut mit uns. Gegen die körperlich wie spielerisch höherklassigen 4. Herren, Tabellensiebter der HA, startet die 8. kraftvoll. Eine krumme Bogenlampe zum 0:1 geschieht nach 15 Minuten eher zufällig; vorher gab es zwei gute Gelegenheiten für uns. Das Spiel ist also erstaunlich ausgeglichen – bis die Wahrheit des knüppelharten Gegners Tims Knöchelumfang verdoppelt, der mit (später erhärtetem) Verdacht auf Bänderriss ins Krankenhaus fährt. Eine Weile hält der FC noch gegen, erzielt nach Traumpass von Axel auf Paul sogar den sehenswerten Ausgleich; je länger das Spiel dauert, desto deutlicher wird aber der Unterschied auf dem Platz.

Dem erneuten Rückstand vor der Pause folgt bald darauf das 1:3, als Vogi einen Freistoß abklatscht und der mitgelaufene Jan von den drei (!) vereinsamten Stürmern im Fünfer ausgerechnet denjenigen deckt, der am weitesten vom Ball entfernt ist. Das ahndet Malte umgehend mit der Höchststrafe: Auswechslung, 30 Minuten nach der Einwechslung (wofür sich der Trainer noch vorm Jüngsten Gericht zu verantworten hat). Kurz darauf schießt und köpft Teutonia durch die aufgelöste Abwehr hindurch zwei schnelle Tore. Das war’s. Axels Elfer macht daraus zwar noch ein 2:5, was bereit Paul nach tollem Zuspiel (wieder dieser Axel) aus sechs Metern auf dem Fuß hatte – aber die Wahrheit an diesem Tag ist wohl, dass auch ein sensationeller Sieg gegen vermeintliche Favoriten die Trauben nicht in den Himmel wachsen lässt.

Noch wichtiger sind aber ein paar Abschluss-Wahrheiten. Erstens: Hoch führen hindert selbst überlegene Teams ohne Klasse nicht daran, alle drei Minuten Elfmeter oder Karten zu schinden. Zweiten: Wenn die 8. Herren des FC St. Pauli von 1910 e.V. an einem Sonntagmorgen um 10.30 Uhr mehr als zwei Dutzend Fans ans Spielfeld locken, ist Gewinnen längst nicht alles, dann geht es auch um Liebe. Und die haben wir mit viel Kampf zurückgegeben. Mehr ging nicht. Danke, lieber Support – ihr seid die Besten!

Jan

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